Das Land der Mitternachtssonne

Lappland, Europas letzte große Wildnis

Text von Reine Barkered
Fotos von Adam Clark
Kameraarbeit und Bearbeitung von Nathan Avila

„Warum hat mir das keiner gesagt?“ Das waren die Worte, die ich gemurmelt habe, als ich mich zum ersten Mal tief nach Skandinavien im schwedischen Lappland wagte. Die Berge sind riesig und erstrecken sich über einen großen Bereich. Im Laufe der Jahre habe ich als selbstverständlich angesehen, was ich in meiner Nachbarschaft habe. Ich bin immer in die Alpen gefahren, um die großen Pisten zu fahren, weil ich dachte, dass die Berge zu Hause nicht gut genug sind.

„Ich brachte etwas geräuchertes Rentierherz
für das Team zum Probieren mit, es ist extrem
nahrhaft und außerdem lecker, und schlägt jeden
Power-Riegel.“

Weit oberhalb des nördlichen Polarkreises liegen die Städte Riksgränsen und Abisko, die kaum die Bezeichnung Stadt verdienen. Sie liegen zwischen den Kleinstädten Kiruna, Schweden, und Narvik, Norwegen. In Kiruna wird Eisenerz abgebaut und per Zug in den Hafen von Narvik transportiert. Entlang dieser zu diesem Zweck gebauten Eisenbahnstrecke entstanden diese Städte, die nicht viel zu bieten haben, in denen ich aber einige der schönsten Tage meines Lebens verbracht habe.

Riksgränsen bedeutet wörtlich „Reichsgrenze“ und besteht aus einem Hotel, ein paar Arbeiterunterkünften, einem Supermarkt und einem Campingplatz sowie einer alten Liftanlage. Riksgränsen ist Gastgeber des weltweit längsten Big-Mountain-Wettbewerbs, der skandinavischen Big-Mountain-Meisterschaften, oder einfach NM. Diese Veranstaltung gibt es seit 25 Jahren, und sie war es, was mich in erster Linie zum Starten meiner Freeride-Karriere animierte. Manch einer behauptet auch, hier sei die Geburtsstätte des Freeskiing und des progressiven Freestyle-Snowboarding, wie wir es heute kennen. Dank Legenden wie JP Auclair, Ingemar Backman und Jesper Rönnbäck gibt es eine fast mystische Atmosphäre, die man nicht erklären kann sondern erleben muss.
Wir sind hier ein paar Tage Ski gefahren, und ich habe mir Mühe gegeben, das Team herumzuführen. Ich habe auch versucht, Ihnen die Mentalität zu vermitteln, die man hier zum Fahren benötigt. Man muss das Beste aus dem machen, was man hat! Das Gelände ist etwas unkonventionell, der Schnee für gewöhnlich kugelsicher, und das Wetter denkbar unvorhersehbar. Man kann sich nicht auf den Wetterbericht verlassen. Der Slogan für das 20-jährige Bestehen der NM lautete „20 years of flat light“ (in etwa: 20 Jahre tiefstehender Sonne). Mit einem guten Team ist es aber trotzdem kein Problem, den ganzen Tag lang unterwegs zu sein.

Was ich am meisten an dieser Gegend mag, sind die extrem langen Tage und sogar die Mitternachtssonne aufgrund des Breitengrads. Wir waren Ende April hier, sodass das Tageslicht ca. 20 Stunden anhält, wodurch man die meiste Zeit des Tages unterwegs sein kann. Uns gelangen ein paar wirklich gute Aufnahmen, bevor wir uns in die nahegelegene Stadt Abisko begaben.

„Sie hat eine fast mystische Atmosphäre, die
man nicht erklären kann sondern erleben muss.“

Wir waren in der Abisko Mountain Lodge untergebracht, wo wir mit zwei Helikoptern in die weite Wildnis aufbrachen. Es ist nicht leicht, da draußen hinzukommen, man kann in einigen Gebieten Schlitten benutzen oder tagelang eine Skitour machen. Das Wetter sah recht gut aus als wir ankamen, und das Team war begeistert, rauszugehen. Sie hatten schon ein paar schöne Tage in Narvik verbracht, wo sie ein Shooting mit Fjord-Skiing machten, wobei ich am letzten Teil des Trips teilnahm. Wir hatten auf Anhieb gutes Wetter, und alle waren neugierig auf das, was kommen würde. Das Team bestand aus: Sam Smoothy, Riley Leboe, Callum Pettit, Izzy Lynch und einer lokalen norwegischen Skifahrerin namens Ida Elisabeth Nilsen. Alle hatten am ersten Tag ein paar gute Abfahrten.

An den nächsten paar Tagen erkundeten wir das Massiv tiefer und fanden etwas richtig Gutes. Einige Gipfel mussten wir auslassen, da Kalbungssaison der Rentiere war. Sie sind keine Wildtiere, werden aber zum Tierbestand der indigenen Einwohner gezählt, die als Sami oder Samer bezeichnet werden. Sie hüten die Rentiere hier seit Generationen und bauen während dieser Jahreszeit kleine Hütten und provisorische Dörfer. Ich brachte etwas geräuchertes Rentierherz für das Team zum Probieren mit, es ist extrem nahrhaft und außerdem lecker, und schlägt jeden Power-Riegel.
Der Trip endete mit einem Abend-/Nacht-Shooting, bei dem dank des endlosen Sonnenuntergangs einige der besten Aufnahmen entstanden. Ich fand es extrem aufregend, einigen meiner Freunde einen Teil der Welt zeigen zu können, den nicht viele kennen.“

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